Agilität – Das neue Allheilmittel für Unternehmen?

Veröffentlicht von am 26. Juli 2019 · Kommentieren

Beinahe alle Unternehmen wollen heutzutage „agil“ werden, denn Agilität wird oftmals als der Schlüssel für den langfristigen und zukünftigen Erfolg eines Unternehmens angesehen.. Doch was bedeutet „Agilität“ überhaupt und was sind agile Arbeitsweisen?

Was macht ein agiles Unternehmen aus?

Agilität bedeutet für ein Unternehmen flexibel zu sein, sich schnell auf eine sich verändernde Unternehmensumwelt und sich verändernde Kundenbedürfnisse anpassen zu können. Agile Ogranisationen sind meist offener in ihrer Kommunikation und insgesamt effizienter. Agil handeln und arbeiten führt dazu, dass die Organisation in Teams gegliedert wird, die abteilungsübergreifend zusammengestellt sind. Dabei liegt der Fokus klar auf dem Kunden und den Teams wird ein hohes Maß an Entscheidungskraft zugeteilt.

Vor allem das Best Practice-Modell des schwedischen Musikstreaming-Anbieters Spotify wurde aufgrund des Erfolges bekannt. Spotify ist mit diesem Modell organisch gewachsen ist. Ob es sich in einem etablierten Großunternehmen ohne Weiteres implementieren lässt, ist zunächst kritisch zu hinterfragen.

Was sind die Herausforderungen für Unternehmen?

Im Transformationsprozess eines Unternehmens mit einer klassischen Arbeitsweise zu einem agilen Unternehmen ist es essentiell, dass die gesamte Wertschöpfungskette betrachtet wird.  Dies meint, dass Agilität nicht auf den IT-Bereich beschränkt ist, sondern durchgängig in allen Unternehmensbereichen umgesetzt werden muss. Ein Problem stellt hierbei vor allem das Verständnis, die Akzeptanz und die anschließende Durchführung der neuen Arbeitsweisen dar.

Hierarchien werden abgeflacht

Die Organisationsstruktur eines agilen Unternehmens zeichnet sich dadurch aus, dass es flache Hierarchien gibt mit autonom handelnden Teams, dies erhöht die Reaktionszeit. Entscheidungen werden also nicht mehr nur top-down vorgegeben, sondern die Eigenverantwortlichkeit des Mitarbeiters wird in den Fokus gerückt. Während sich dies in Start-Ups verhältnismäßig leicht umsetzten lässt, ist dieser Wandel besonders herausfordernd, wenn das Unternehmen bereits etabliert ist und verankerte Strukturen und Hierarchien besitzt.

Kurzfristige Zielbilder anstatt Kaffeesatz-Leserei

Agile  Unternehmen arbeiten mit unscharfen Zielbildern, d.h. anstatt mehrjährige Strategien zu formulieren, wird ein Plan für ein Jahr entwickelt. So kann sich das Unternehmen agil an die Umwelteinflüsse, wie beispielweise Veränderungen im Markt oder aufgrund der Digitalisierung, anpassen. Dahingehend muss die Geschäftsstrategie eines Unternehmens angepasst werden.

ING als Vorreiter der Agilität

Ein Beispiel für ein Unternehmen, welches diesen Wandel erfolgreich durchgeführt hat, ist die ING. Als erste Bank hat die ING die gesamte Organisation zu einer agilen Arbeitsweise transformiert, welche stark kundenorientiert arbeitet und schnell auf Veränderungen der Kundenwünsche reagieren kann. Dies wurde dadurch ermöglicht, dass die Hierarchien bei der ING abgeflacht wurden, abteilungsübergreifende Teams und „agile Coaches“ eingeführt wurden. Des Weiteren wird den Mitarbeitern mehr Entscheidungsgewalt zugeteilt und der Kunde mehr in die Produktentwicklung und -verbesserung integriert. Fehler werden offen kommuniziert, und die Mitarbeiter erhalten die Möglichkeit, Einblicke in fremde Abteilungen zu bekommen, um Prozesse besser zu verstehen. Beispielsweise werden Programmierer im Call-Center eingesetzt, um die Probleme und Verbesserungswünsche der Kunden besser nachvollziehen zu können.

Gibt es eine „one-size-fits-all-Lösung“?

Trotz der positiven Beispiele sollten sich etablierte Großunternehmen die Frage stellen, ob es Sinn ergibt, das Unternehmen vollständig zu agilisieren. In Abteilungen wie der Buchhaltung, genauso wie in der Produktion ist es teilweise nicht möglich oder bringt keinen Mehrwert, flexibel und abteilungsübergreifend zu arbeiten. Dennoch können auch diese Abteilungen agiler werden: Trotz komplexer Vorschriften und festgelegter Vorgänge, können Prozesse offener gestaltet werden, um gegebenenfalls Prozesse schneller optimieren zu können. Eine Effizienzsteigerung bei solch stark-routinierten Prozessen kann dadurch aber häufig nur in inkrementeller Form erfolgen. Darüber hinaus muss bedacht werden, dass den Mitarbeitern des Unternehmens die Notwendigkeit des Wandels klar sein muss. Oftmals scheitert ein Wandel daran, dass die Kultur des Unternehmens nicht zum agilen Arbeiten passt. Daher muss der Ansatz der agilen Transformation so gesetzt werden, dass er individuell zum Unternehmen passt.

Agilität muss zum Alltag werden

Insgesamt lässt sich sagen, dass es für Unternehmen definitiv nicht ausreicht, ein Büro zu einem Coworking-Space ohne feste Schreibtisch-Zuordnung zu machen, um agil zu werden. Hinter diesem Prozess steht ein komplexer Wandel des Unternehmens, der Prozesse innerhalb des Unternehmens und der Denkweisen und Fähigkeiten der Mitarbeiter. Dieser Wandel bedarf einer genauen Analyse inwiefern die agile Transformation sinnvoll und hilfreich sein kann.  Besonders etablierte Großunternehmen müssen den Wandel an der Denkweise der Menschen und an der Unternehmenskultur ansetzen, um langfristig mit agilen Methoden erfolgreich zu sein und zu bleiben.

Co-Autorin: Patrizia Kühn