Pain Points beim Bargeldhandling zwischen Einzelhandel und Retailbanken

Veröffentlicht von am 11. Mai 2017 · Kommentieren

Retailbanken begegnen der niedrigen Zinsmarge sowohl auf der Kosten- als auch auf der Ertragsseite. Die wegfallenden Erträge werden durch Gebühren kompensiert, wie unlängst gegenüber den Privatkunden am deutschen Markt gut ersichtlich. Zur Begrenzung der Kosten werden Filialen geschlossen oder ganze Geschäftsbereiche ausgelagert.

Die Bepreisung von Bargeldbearbeitung wird insbesondere auf den Einzelhandel weitreichende Folgen haben. Gerade die Annahme und Verarbeitung großer Mengen Banknoten oder Münzen ist extrem kostenintensiv. Also werden auch diese Bankkunden künftig stärker mit Gebühren belastet und erhalten gleichzeitig weniger Service für Ihr Geld.  – pay more receive less.

Aus Sicht der Banken ergibt sich ein unvermeidbarer Weg aufgrund der folgenden „pain points“.

Lokation

Die Retailbanken haben Ihre Privatkunden konsequent dazu erzogen, Bargeld in der Selbstbedienungszone zu beziehen. D.h. es kommen nur wenige Noten am Schalter zur Auszahlung, wohingegen die SB Zonen in solchen Filialen stark Cash negativ sind. Typischerweise sind aber die Kassen in Filialen in Wohngebieten schwach Cash negativ.

In Filialen, in denen zum Beispiel der Einzelhandel einzahlt, sind die Kassen dahingegen stark cash positiv. Zwischen dem Bargeldausgang einer Wohngebietsfiliale und dem Bargeldeingang einer Einkaufscenterfiliale variieren die Ein- und Auszahlungen nicht selten um den Faktor 20. Der Einzelhandel kann mehrheitlich nicht in SB Zonen einzahlen, weil die Geräte eine zu geringe Kapazität haben oder zu störungsanfällig sind. In der Folge entstehen für die Banken nicht unerhebliche Transporterfordernisse. Früher konnte der Transfer zwischen Filialkasse und SB Zone ggf. vom Filialmitarbeiter erledigt werden, heute sind Werttransportunternehmen damit beauftragt. Die Folge wiederum sind Kosten, die kontinuierlich steigen, nicht zu Letzt mit den neuen Tarifabschlüssen in der Werttransportbranche.

Der Ort des Bargeldbedarfes der Banken und der Zulieferung von Bargeld durch den Handel fallen also stark auseinander.

Frequenz

Transport- und Lagerkapazitäten für Bargeld sind kostenintensiv. Idealerweise bleibt das Bargeldverhalten im Zeitverlauf konstant, genau diese Konstanz existiert beim Einzahlungsverhalten des Einzelhandels jedoch nicht. Zwischen einem normalen Monatsverlauf und dem Weihnachtsgeschäft ist ein Unterschied von bis zu Faktor 6, je nach Scheinart, zu verzeichnen. Anders ausgedrückt: während dieser Zeit müssen die 6-fachen Kapazitäten und Kosten getragen werden. Die Retailbanken selbst kennen nur bedingt positive Effekte aus solchen zyklischen Schwankungen, wohingegen der Handel von dem Weihnachtsgeschäft lebt/profitiert.

Ein anderes Beispiel für solche Auswüchse an Kapazitätsbedarfen stellen Events und Festivitäten dar. Filialen, die in der Nähe von Oktoberfest etc. gelegen sind, müssen mit Auswüchsen an Bargeldmengen rechnen, die weder durch Automation noch durch regelmäßige Supporttätigkeiten abgedeckt sind.

Eine Optimierung dieser starken Schwankungen nach betriebswirtschaftlichen Regeln wie economies of scale und economies of scope ist nicht möglich.

Notenarten

Die Einzahlungen des Einzelhandels an Filialkassen bestehen zu über 75% aus Denomination mit weniger als 50,– EUR Wert. Diese Notenarten sind von Privatkunden, die am Schalter abheben, nur zu einem geringen Teil erwünscht. In der Regel verlangen Privatkunden 50,– EUR Noten. D.h. ein kostengünstiges Recycling durch Wiederausgabe vor Ort ist auch hier nicht möglich.

Qualität

Vergleicht man die Qualität der Noten, die vom Einzelhandel eingezahlt werden, so existieren auch hier beachtliche Unterschiede. Bei kleinen Denomination ist der Anteil an unfitten Noten im einstelligen Prozentbereich. In bestimmten Lokationen – Bahnhofsgegenden etc. – zahlt der Einzelhandel mehr als 5-mal schlechtere Qualität ein. Sicher liegt dies nicht am Handel, sondern an den jeweiligen Endkunden. Die Probleme aus der Verarbeitung wälzt der Handel jedoch auf die Banken ab. Darüber hinaus entstehen signifikante Kosten aus technischen Störungen, die von derart schlechtem Bargeld in der Verarbeitung hervorgerufen werden.

 

Fazit

Die Einzahlungen des Einzelhandels stellen für Retailbanken ein großes Problem dar. Weder der Einzahlungsort, noch die Frequenz, noch die Art der Einzahlung und erst recht nicht die Qualität passen zu dem Geschäft der Banken.

Das Problem wird sich, aufgrund der weiteren Schließungen von Bankfilialen, für die verbleibenden Standorte nochmals dramatisch konzentrieren und zuspitzen.

Die Banken werden diesen Kostenblock mit dem Handel durch steigende Gebühren teilen. Aufgrund der oben genannten Aspekte sicher nicht zu Unrecht, ganz nach dem Motto: „you get what you deserve“.

Wesentlicher Ausweg bleibt dem Handel in der Forcierung der unbaren Zahlungsmittel am Point of Sale. Alternativ gilt es für den Einzelhandel die Transport- und Verarbeitungskosten direkt und ohne den Umweg der Retailbanken zu tragen. Insbesondere kleineren Händlern dürfte dies schwerfallen.