Henne oder Ei – warum steigt die Anzahl der Geldautomaten in Deutschland?

Veröffentlicht von am 29. Juni 2018 · Kommentieren

Die Anzahl der Geldautomaten in Deutschland ist im letzten Jahr um rund 2.000 auf insgesamt 60.500 Automaten gestiegen – allen Unkenrufen zum Trotz, die eine bargeldlose Zukunft proklamieren.

Ist der Anstieg begründet in einem echten Kundenbedarf oder existieren andere Gründe für diese Entwicklung?

ZU VIELE GELDAUTOMATEN IN DEUTSCHLAND

Der Kundenbedarf an Bargeld ist relativ konstant. In 2017 hat jeder Bankkunde 60 Mal Bargeld am Geldautomaten, am Schalter oder am POS bezogen. Seit 2008 ist keine Veränderung festzustellen. Die Summe des jährlichen Barbezugs ist von 593 EUR in 2008 auf 793 EUR in 2017 gestiegen. Gleichzeitig sind die unbaren Zahlungsmittel in der Nutzung gestiegen und machen rund die Hälfte des Zahlungsumsatzes aus.

Allerdings schließen die Banken signifikant Filialen und damit Bargeldbezugspunkte. In 2017 wurden 5,9% der Filialen geschlossen. Darüber hinaus eliminieren die Banken das Bargeld am Schalter, um Personalkosten weiter zu reduzieren. Die Zahl der bargeldlosen Filialen ist unbekannt. Tatsächlich sind von 2014 bis 2017 nochmals 3% der Abhebesummen vom Schalter zum Geldautomaten verlagert worden. Geldautomaten an Drittstandorten ersetzen die Filialen zum Teil beim Bargeldbezug.

Bei einer durchschnittlichen Auszahlungshöhe und einer gleichmäßigen Verteilung auf alle Bankkunden – d.h. ohne Berücksichtigung von Ballungszentren und strukturschwachen Regionen –  ist eine absolute Anzahl von rd. 49.000 Automaten in Deutschland bedarfsdeckend. Mit den genannten 60.500 Automaten existieren rd. 10.000 Automaten zu viel.

RÄUMLICHE NÄHE IST ENTSCHEIDEND

Kunden nutzen den Bargeldservice und die Nähe zum Bezugspunkt. Bargeld ist

  • einfach in der Handhabung
  • überall akzeptiert
  • frei von Transaktionsgebühren
  • risikoarm
  • diskret sowie
  • transparent budgetierbar

Wie weit würden Sie fahren, um an Bargeld zu gelangen? Derzeit sind es nur ca. 4 km in der Stadt und weniger als 10 km auf dem Land. Selbst für Grundnahrungsmittel muss man zum Teil größere Entfernungen zurücklegen.

D.h. der Bestand an Geldautomaten ist derzeit eher zu hoch. Dies gilt insbesondere, wenn man berücksichtigt, dass es zusätzlich alternative Bezugsoptionen wie z.B. Cashback gibt.

Warum also 20 % zu viel Automaten, wo der Kostendruck bei den Banken angeblich so hoch ist?

MEHR GELDAUTOMATEN ALS MARKETINGINSTRUMENT

Immerhin bedeutet dies einen rechnerischen Kostenblock von rund 250 Mio. EUR p.a. Eine Ertragsquelle sind ohnehin nur die Automaten an den Top-Standorten der Automatenbetreiber ohne eigenen Kundenstamm. Und warum die Tendenz zum weiteren Aufbau?

Die Banken spüren neben dem Kostendruck natürlich die Konkurrenz. Ohne ein angemessenes Zinsniveau fehlt den Banken ein wichtiges Differenzierungsmerkmal zum Vertrieb von Bankprodukten. Insbesondere beim Girokonto können die Banken nicht mehr auf die Provisionserträge verzichten. Nicht wenige Banken drehten in 2017 an der Gebührenschraube.

Eine Aufladung der Girokonten mit Mehrwerten ist nicht gegeben – mit einer Ausnahme: der Bargeldbezug. Nach wie vor der bedeutendste Service beim Girokonto aus Sicht der Kunden.

Der USP von Sparkassen und Volksbanken ist nicht die Kundennähe an sich, sondern die Nähe zum Bargeldbezug und zum sonstigen Service. Wenn Banken Girokonten gewinnen wollen, dann geht kein Weg an der Bargeldbezugsmöglichkeit vorbei. Auch die Direktbanken stellen die Verfügbarkeit von Bargeld bei der Kundenwerbung in den Vordergrund.

Dies lässt die Schlussfolgerung zu, dass der Automatenanstieg in engem Zusammenhang mit dem Vertrieb von Girokonten steht und eigentlich eine „Marketing“-Maßnahme darstellt.

Wenn dem so ist, müssen die Banken in nächster Konsequenz Ihren USP, sofern gegeben, noch intensiver ausnutzen. Das bedeutet: Protektionismus an eigenen Automatennetzen, steigende Gebühren, Ausschluss von Fremdkarten am Geldautomat, etc. Folgt bald auch die Auflösung der großen Zusammenschlüsse und den Automatenverbünden, damit die Werbung auf ein singuläres Institut einzahlt?

Dieser „war through cash“ über den Girokontenanteile vergeben werden, kann auch dazu führen, dass der Bargeldbezug an alternativen Cash Points wie z.B. der Supermarktkasse nicht funktionieren darf. Alle Optionen neben dem Geldautomaten müssen ausgeschaltet werden, damit die Werbemaßnahme „Geldautomat“ funktioniert. Dies gilt am Ende auch für die Kreditkartenmodelle mit einer Bargeldbezugsmöglichkeit.

Wie lange werden Banken diese Strategie weiterverfolgen? Was ist rechtlich möglich, was ist noch integer? Darf eine Abhebung den Bankkunden 9EUR Gebühr kosten?

Irgendwann ist der Punkt erreicht, wo der nächste Geldautomat weniger Grenznutzen produziert als die Alternative – z.B. eine Ein-Personen-Filiale. Spätestens dann erfolgt kein weiterer Aufbau von Geldautomaten.

Anders ausgedrückt: die vorhandene Infrastruktur und deren Ausnutzung zur Kundenbindung und -gewinnung ist und bleibt primärer Fokus der Filialbanken.

HENNE ODER EI?

Aktuell sind es eindeutig die Banken, die die Geldautomaten forcieren und nicht der tatsächliche Kundenbedarf.

Ihr Ansprechpartner für das Thema Bargeldlogistik bei ARKADIA: Arno Eitz | arno.eitz@arkadia.de

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